Der Zeuthener Unternehmer Michael Heide hat eine ergonomische Tapezierbürste erfunden. Kleines Ding, nicht der Rede wert, völlig banal? Eben nicht! Mit einem europäischen Patent hält das Tool jetzt als multifunktionales Werkzeug Einzug in Hunderttausende Haushalte. Aber das ist nur der Anfang. Der Siegeszug der kleinen Bürste hat gerade erst begonnen … 

Der Schmerz in den Händen zwingt zum Umdenken

Das Berufsleben von Michael Heide beginnt recht ruhig und normal. Nach der Schule lernt er im Bäckereihandwerk. Bis auf das sehr frühe Aufstehen liebt er den Beruf, arbeitet fünf Jahre als Bäcker. Doch dann begeistert ein Freund ihn fürs Tapezieren. Heide macht noch einmal eine neue Ausbildung – dieses Mal zum Maler und Lackierer. Dann geht es los. Doch was für ein Knochenjob. Die Tapezierbürsten sind Erfindungen aus den 50iger Jahren. Handgelenke und Fingerknöchel tun fast jeden Tag mehr weh. Heide recherchiert nach anderen Bürsten und Werkzeugen und findet – nichts! Als Heide sich 2008 mit seiner Malerfirma selbstständig macht, fängt er Abende lang im Keller zuhause an zu tüfteln. „Irgendwie musste es doch gehen, dass man mit dem Ding schneller und exakter arbeiten kann und dass, ohne das einem hinterher alles wehtut“, sagt er.

Aus bestehenden Maler- und Tapezierbürsten schneidet er Stücke heraus, um Griffe zu vergrößern, umwickelt entscheidende Stellen zuerst mit Stoff. Auf der Baustelle drückt er die ersten Prototypen seinen Kollegen in die Hand. Die lachen, nehmen dann aber auch gern seine Werkzeuge, weil es „damit besser geht“. „Es funktionierte, das war mein Ansporn“, erinnert sich der Erfinder.

Als Ausbilder arbeitet er neben seiner Tätigkeit in der eigenen Firma nun auch noch in der Berufsschule und kümmert sich um den Maler-Nachwuchs. Seine gesamte Freizeit aber geht weiter für die Entwicklung der Bürste drauf. „2010 hatte ich endlich DEN Prototypen fertig“, erzählt Michael Heide, „nun ging es ans Marketing und an die Herstellung. Zum Glück wusste ich vorher nicht, welche harten Brocken da auf mich zukommen.“ Zuerst geht es um die 3D Zeichnung der Tapezierbürste. Wer setzt dies um? Es erweist sich als schwierig einen vertrauensvollen Konstrukteur zu finden. Nach vielen Hürden und Auseinandersetzungen gibt es die 3D Zeichnung, die als Grundlage für alles weitere fungiert.

Ein Produzent muss gefunden werden, einer der den Spritzguss übernimmt und die Borsten einschießt. Und das erst einmal für eine kleine Produktionsmenge. Dann werden namhafte Tapetenfirmen angeschrieben  – keiner interessiert sich für sein Produkt, niemand will ins Marketing einsteigen. Also schießt er selbst Produktfotos, bastelt dafür Musterwände, an denen die Bürste vorgezeigt wird. Wie soll alles aussehen, wie setzt man das Produkt so ins Rampenlicht, dass Kunden und Großhandel es haben wollen?

Marketing, Patent, Webseite – Alles macht er selbst

Auch eine Internetseite betreibt er selbst. 2012 wird das Produkt als Patent angemeldet und soll dann sofort verkauft werden – aber es will keiner.  

Daraufhin macht sich der Unternehmer selbst auf die Suche nach Produzenten, versucht Kapital und Finanzierung zu bekommen, um erst einmal nennenswerte Stückzahlen auf den Markt zu bringen. Unzählige aufwändige Präsentationen bei Banken und Investoren müssen dafür vorbereitet werden. Nach einer Odyssee zu unzähligen Produzenten ist Heide beinahe am Ende: niemand will auf normalem Wege einsteigen oder wenn, dann zu horrenden Preisen, die nicht machbar sind.

Aber er gibt nicht auf, stellt sogar noch einen professionellen Hochglanz-Flyer her. Dann – endlich – schlägt eine Firma in Nordrhein-Westfalen ein. Dreitausend Stück will sie produzieren. Die Spritzgußwerkzeuge dafür müssen erst gebaut werden und kosten ein kleines Vermögen. Die Transportkosten sind hoch, auch Mindermengen-Aufschläge muss der Unternehmer zahlen. Das Los eines kleinen Start-ups.

Von Nordrhein-Westfalen muss das Produkt zu einer anderen Firma nach Stuttgart geschickt werden, um dort die Borsten einzuschießen. Heide: „Ich war zu dieser Zeit ständig unterwegs und habe versucht, die Produktion irgendwie im Auge zu behalten. Es war extrem anstrengend. Und alles neben dem eigentlichen Job meiner Malerfirma, denn ich musste ja weiter Geld verdienen.“

Die fertig produzierten Bürsten kommen dann per Versand in das smartQ-Lager von Michael Heide. „Die ganze Familie hat damals mitgeholfen zu verpacken“, erzählt er. Hunderte von smartQ Tapezierbürsten auf Paletten werden später versandfertig gemacht.

Auch der Vertrieb war nur noch Stress

Jetzt beginnt der Stress erst richtig. Großhändler und Firmen werden aus dem Netz herausgesucht, um die Bürsten an den Mann zu bringen. Oft muss sich Michael Heide dabei Folgendes am Telefon anhören: „Sie sind Vertriebler? Dann bewegen Sie Ihren Arsch gefälligst hierher!“ Wenn er sagt ´Nein, ich bin Maler`, bekommt er zu hören: „Das glauben wir nicht, der kann sowas nicht erfinden.“

Also macht Heide mühevoll viele Termine aus, er fährt nach Hamburg, Stuttgart, München, und in viele andere Orte quer durch die Republik. Teilweise ist, trotz vereinbartem Termin, der Ansprechpartner nicht da. „Wer hat denn den Termin gemacht?“, heißt es. Der Chef. „Ach, der ist im Urlaub.“ Was Michael Heide da erlebt ist so surreal, dass er hinschmeißen will.

Doch statt aufzugeben, wendet er sich als Nächstes an Agenturen für Werbung und Marketing. Die wollen jedoch allein für ein Exposé und eine Website schon sehr viel Geld haben. Geld, was er nicht im Budget hat. Ein Start-up muss sparen und das verfügbare Kapital gezielt einsetzen – das hat er bis hierher schon erfahren. […] Doch dann tritt doch noch die erhoffte Wende ein.

Dann die Idee – ab in die Höhle der Löwen

Michael Heide und seine Frau sind seit der ersten Staffel Fans des TV Formates „Die Höhle der Löwen“. In der Show stellen Unternehmer und Erfinder ihre Produkte vor und „kämpfen“ um einen Zuschlag von Investoren, die mit Kapital einen Anteil der Firma erwerben. Den beiden kommt damals die Idee, es nun selbst dort zu versuchen. Doch wenn sie mit Freunden und Bekannten sprechen, kommt fast immer: „Lass das lieber.“ Michael Heide aber ist auch hier unbeirrt. „Immer wenn ich die Sendung schaute, dachte ich, die sprechen alle meine Sprache. Ich war baff, welche Ideen und Erfindungen hier zu sehen waren. Und alle waren einen ähnlich beschwerlichen Weg gegangen wie ich!“

Also sagt er „Jetzt machen wir´s“! Er produziert einen Kurzfilm, worin seine Erfindung vorgestellt wird, baut dafür extra Tapezierwände im Wohnzimmer als Kulisse auf. Der Film wird eingeschickt. Jetzt heißt es warten.

Ein halbes Jahr vergeht, dann wird Heide tatsächlich ins Fernsehen eingeladen. „Ich war so aufgeregt, dass ich Beruhigungstabletten brauchte“, sagt der Zeuthener. „Schließlich hängt da eine Wahnsinns Arbeit dran. Jetzt brauchen wir unbedingt mal Glück.“

Aber dann legt er einen so überzeugenden Auftritt hin, dass gleich drei Investoren um seine Erfindung buhlen. Ralf Dümmel bekommt von ihm den Zuschlag. Seitdem ändert sich die Welt. [...]

Weil dieser Weg so unwirklich klingt und doch tausendfach in Deutschland so passiert, hat Michael Heide auch gleich noch sein erstes Buch geschrieben. Einmal zum Mond bitte, heißt es und beschreibt, warum es so schwierig ist, generell in Deutschland zu gründen. Alles könnte wesentlich einfacher sein, aber dafür müsste sich in Deutschland so einiges ändern. Mit seinem Buch will er anderen Startern Mut machen, wichtige Erkenntnisse an die Hand geben, aber auch erklären, warum man kein Träumer sein darf. [...]

Es sind die Feinheiten, die Gedanken, die Ideen und die Power, die solche Art Unternehmer ausmachen.

Heide sagt: „Ich bin stolz es geschafft zu haben. Aber noch einmal möchte ich es nicht machen. Einmal im Leben reicht. Es ist wie eine Achterbahn-Fahrt: Manchmal machst du eine Sektflasche auf und an anderen Tagen willst du gar nicht erst aufstehen." Wichtig sei ihm, dass man immer „gesund weitermachen“ müsse. Im doppelten Sinne: wenn das Business die Gesundheit angreift, die Familie zerstört oder einem sämtliche Lebensgrundlagen entzieht – dann läuft was falsch. Diesen Punkt darf man gar nicht erst kommen lassen. Dann kann es ein wunderbares Lebensgefühl werden. 

Den kompletten Artikel von Kathrin Reisinger lesen Sie im IHK FORUM Magazin Ausgabe 9/2021.